Stellen Sie sich vor, Ihnen ist Nachhaltigkeit wichtig und Sie treffen im Alltag bewusste Kaufentscheidungen, beispielsweise beziehen Sie das Biokisterl oder Fair Trade Tee und Kaffee. Sie verzichten auf das Auto und fahren viel mit dem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie haben 50 Euro, die Sie gerne investieren und in einem monatlichen Fondssparplan anlegen möchten. Mit gutem Gewissen entscheiden Sie sich für einen Fonds, den Ihre Hausbank empfohlen hat. In den meisten Fällen werden die Risikobewertung und Finanzkennzahlen besprochen, jedoch wissen Sie nicht, welche Unternehmen und Projekte Sie mit Ihrem Geld über diesen Fonds unterstützen. Denn Fonds stellen eine Art „Blackbox“ dar. Das bedeutet, dass die sozialen und ökologischen Auswirkungen unklar sind. Laut der aktuellen CLEANVEST-Analyse investieren von 2.500 Fonds noch immer über 89 Prozent in fossile Energieträger.

Warum ist das Thema nachhaltiges Investieren dringend?

Laut Pariser Klimaschutzabkommen dürfen wir die vereinbarte 1,5 Grad-Grenze nicht überschreiten. Das bedeutet, wir benötigen Investitionen in erneuerbare Energien von jährlich 260 Milliarden Euro in Europa. Das Finanzvermögen der österreichischen Haushalte beträgt mit 715 Milliarden Euro (laut OeNB 2019), was fast der Hälfte des gesamten Finanzvermögens in Österreich entspricht. Privaten und institutionellen Investoren fallen daher eine maßgebliche Rolle zu, wenn es darum geht globale Kapitalströme für die Erreichung der Entwicklungsziele der Vereinten Nationen („Sustainable Development Goals“ – SDGs) umzulenken. Hier ist vor allem der Ausstieg aus klimaschädlichen Investitionen, wie fossile Energieträger oder Chlor- und Agrochemie, entscheidend. Gleichermaßen sollen Investments mit Klimaschutznutzen, wie grüne Technologien und Infrastruktur, nachhaltige Unternehmen und ökologische Pioniere, ausgebaut und somit vermehrt in Fondsprodukten angeboten werden.

Wie sieht es um die Nachhaltigkeit bei Investmentprodukten aus?

Profitieren Mensch und Umwelt von Investmententscheidungen oder richten Investoren unbewusst sogar Schaden an? Gerade wenn es um Geld geht, legen Investoren großen Wert auf Sicherheit, Rendite und die Risikobeurteilung. Informationen zur Nachhaltigkeit von Investmentprodukten sind im Vergleich zu den Finanzkennzahlen kaum zugänglich. Es gibt zwar Zertifikate wie das österreichische Umweltzeichen für Nachhaltige Finanzprodukte, die gute Anhaltspunkte liefern, aber der Großteil aller sonstigen Fonds ist im Bereich Nachhaltigkeit intransparent. Häufig sind Nachhaltigkeitsinformationen in Fondsprodukten weder kostenfrei noch übersichtlich zugänglich und es gibt keine einheitlichen Kriterien, welche zur Beurteilung oder Messung von Nachhaltigkeit herangezogen werden. Gleichzeitig steigt jedoch die Nachfrage nach nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten, denn mehr als die Hälfte möchte in Österreich nachhaltig investieren, jedoch nur ca. 15% tun es tatsächlich (laut FNG 2020). Das ist ein klarer Hinweis auf fehlende Angebote und lückenhafte Information bzw. (Nachhaltigkeits-) Beratung. Es gilt daher diese Verbindung zwischen der Nachfrage von Privatinvestor*innen und dem Angebot am Fondsmarkt zu schließen. Fondsmanagerinnen und -manager sollten daher verstärkt Nachhaltigkeit in die Fondsproduktgestaltung einfließen lassen und diese Informationen leicht zugänglich machen. Das Ziel ist ein größeres Sortiment von nachhaltigen Fonds, ein „Bio“-Angebot für den Fondsmarkt sozusagen.

Welche Teilbereiche der Nachhaltigkeit sind in der Analyse von Investments entscheidend?

Im Gegensatz zu konventionellen Veranlagungsformen, verbinden nachhaltige Investmentfonds ökologische und soziale Bewertungen mit klassischen Finanzkriterien. Laut FNG Marktbericht 2020 werden vor allem Ausschlusskriterien bei nachhaltigen Investments in Österreich angewendet. Ausschlusskriterien sind am leichtesten nachvollziehbar, da gewisse Staaten oder Branchen vom Investmentuniversum ausgeschlossen werden, sollten sie gegen definierte ökologische, soziale oder ethische Kriterien verstoßen. Häufige Beispiele sind hier die Rüstungsindustrie oder Kohleabbau. In manchen Fällen werden bei den Ausschlusskriterien Schwellenwerte eingefügt, um eine gewisse Toleranz zu ermöglichen. Die CLEANVEST-Plattform misst hingegen die folgenden Ausschlusskriterien gänzlich ohne Schwellenwerte: Rüstung, Kohle (Abbau und Verstromung), Atomenergie und Öl & Gas (Förderung, Verstromung und Infrastruktur). Zusätzlich werden Vorfälle in den Bereichen Kinderarbeit, Artenschutz, Indigene Rechte und Gleichstellung von Frauen untersucht und entsprechend bewertet. Mithilfe eines Filters kann man bei den insgesamt neun Kriterien, nach „strikt“ oder „nicht wichtig“ die Suche verfeinern. Beispielsweise kann man Fonds frei von Kinderarbeit oder frei von Kohle anzeigen lassen.

Best-in-Class Ansätze bieten eine zusätzlich häufig angewandte Analyse-Möglichkeit für nachhaltige Investmentfonds. Bei diesem Ansatz werden Unternehmen nach ihren Leistungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und guter Unternehmensführung („Governance“) bewertet. Die Unternehmen, welche hierbei besonders gut abschneiden, bleiben investierbar, auch wenn sie sich teilweise in kritischen Branchen befinden. Kriterien, welche häufig herangezogen werden, beinhalten Mitarbeiterprogramme, Umwelt- und Qualitätsmanagement-Systeme, sowie klassische Corporate Social Responsibility-Themen.

Die Messung von Klimawirksamkeit und eines CO2-Fußabdrucks von Portfolien und Einzelinvestments ist eine komplexe und anspruchsvolle Aufgabe und wird derzeit noch nicht einheitlich durchgeführt. Was zukünftig interessanter und entscheidender wird, ist die Beitragsmessung eines Portfolios für die Erreichung der Entwicklungsziele der Vereinten Nationen („Sustainable Development Goals“), sowie einer 1,5 Grad-Konformität gemäß Pariser Klimaschutzabkommen.

Was braucht es, um nachhaltiges Investieren zu erhöhen?

Fonds sind ein beliebtes Anlagevehikel. Sie vermindern das Risiko durch eine breite Streuung der Investments und können trotzdem höhere Renditen erwirtschaften als man auf dem herkömmlichen Sparbuch erwarten darf. Pensionskassen, Vorsorgekassen, fondsgebundene Lebensversicherungen, private Vorsorge – in vielen Fällen wird auf diese Form der Geldanlage gesetzt. Unter anderem kann man als Privatinvestor*in in kostengünstige ETFs investieren, oder man entscheidet sich für Fonds, die bestimmte Themen abbilden wie Umwelttechnologie oder Gesundheit. Die Möglichkeiten sind vielfältig. In Österreich kann man ca. über 40.000 unterschiedliche Fonds kaufen.

Zur Erreichung eines nachhaltigen Finanzmarktes braucht es jedoch Transparenz, nämlich leicht zugängliche, verständliche und möglichst vollständige Informationen zu den Unternehmungen und Projekte, in die investiert wird. Wie im Supermarkt, wollen Privatinvestor*innen auch im Fondsmarkt wissen, was sie kaufen und welche umwelt- und sozialen Bedingungen in den Produkten stecken. CLEANVEST bietet hierbei die Möglichkeit, persönliche Werte mit der Investmententscheidung in Einklang zu bringen. Derzeit zehn Nachhaltigkeitskriterien und eine aggregierte Nachhaltigkeitsbewertung erlauben es, die Nachhaltigkeitsperformance von Fonds erstmals konsistent und einfach untereinander zu vergleichen. Im Vordergrund steht dabei die Eigenverantwortlichkeit der Benutzer*in, welche CLEANVEST als Informationsplattform kostenlos nutzen kann, um sich ein ganzheitliches Bild von einem Fonds zu machen, dass sowohl finanzielle als auch nachhaltigkeitsrelevante Kennzahlen miteinbezieht.

Text: Elisabeth Müller, Leitung ESG Plus Österreich