Strategy first bedeutet auch Values first: Warum es strategisch wichtig ist, sich über die eigenen Unternehmenswerte im Klaren zu sein und wie es gelingen kann, genau diese Werte im Daily Business in die Umsetzung zu bringen.

Nach dem JW Summit 2019 in Linz war nicht nur das eigene Netzwerk wieder um ein paar spannende Kontakte von motivierten Jungunternehmern aus ganz Österreich reicher, sondern im Koffer befand sich auch die eine oder andere inhaltliche Inspiration. Eine Aussage ist besonders hängengeblieben, weil sie aus meiner Sicht dem unternehmerischen Praxistest standhält. Es heißt, dass Unternehmen in Bezug auf ihr kulturelles Mindset im Wesentlichen in zwei Gruppen unterteilt werden können – entweder beichten oder segnen. Entweder man macht einfach, setzt Projekte um und „beichtet“ im Nachhinein alles oder man lässt zuvor alles „absegnen“ und zieht mehrere Abstimmungsschleifen intern, bevor man an die Umsetzung geht.

Nun kann man sich die Frage stellen, welche Option die klügere ist. So einfach ist das allerdings nicht zu beurteilen. Viel mehr fehlt hier noch eine entscheidende Information, nämlich dass es für uns Menschen tatsächlich einfacher ist zu vergeben, als etwas zu erlauben. Das ist ein spannender Gesichtspunkt, der im Sinne einer Umsetzungsorientierung für die Kultur des Beichtens sprechen würde. Nichtsdestotrotz ist es immer eine Frage der konkreten Situation, welche Variante die klügere ist – bzw. ist es noch viel mehr eine Frage der Kultur und eine Frage der Werte, nämlich der Unternehmenswerte, die als Benchmark für derartige Entscheidungsfragen heranzuziehen sind.

BEGRIFFE UND IHRE EINORDNUNG

Mitunter stellt sich die Frage, wie die Unternehmenswerte in einem Konvolut an Vision, Strategie, Mission usw. überhaupt einzuordnen sind. Daher hier im Folgenden
ein kurzer Überblick:

  • Die Werte als breites Fundament des Unternehmens spiegeln die Kultur wider.
  • Mission und Vision sind das Leitbild des Unternehmens, wobei die Mission den Zweck beschreibt und die Vision zeigt, was das Unternehmen beim kontinuierlichen Verfolgen der Mission in z.B. fünf oder zehn Jahren erreichen will.
  • Die Strategie ist in weiterer Folge der Plan, in dem die Schritte zur Erreichung der Vision definiert sind.
  • Mit der weiteren Operationalisierung entstehen daraus Jahrespläne, Budgets usw.

DER WERTE-CHECK IM UNTERNEHMENSALLTAG: ZWEI WICHTIGE ASPEKTE

Die Unternehmenswerte sind im Idealfall eine Richtschnur für die Aktivitäten des Unternehmens und ihrer Akteure – jeden Tag aufs Neue. Da reicht es nicht, die Unternehmenswerte einmal festzulegen und sich dann nie mehr darum zu kümmern. Werte sind etwas Fundamentales und bilden gewissermaßen die DNA der Organisation. Um etwas derart Fundamentales  herunterbrechen zu können und im Tagesgeschäft mit Leben zu erfüllen, braucht es im Kern zwei Aspekte:

  • „Werte-Universum“: Visualisierung, Visualisierung, Visualisierung
  • „Fridge-Werte“: Regelmäßiger Werte-Check

ASPEKT 1: WERTE-UNIVERSUM

Ein anwendungsorientiertes Tool, das unser Consulting-Unternehmen in der Positionierung von Organisationen als auch Einzelpersonen immer wieder einsetzt, ist das sogenannte „Werte- Universum“. Dieses Tool kann auch Dir und Deinem Unternehmen dabei helfen, die Unternehmenswerte auf den Punkt zu bringen. Als Metapher für die eigene Wertelandschaft wird das Universum mit seinen Elementen herangezogen. Dadurch bildet sich auch eine durchgängige Story, die die Visualisierung der Werte entsprechend unterstützt.

  • Im Mittelpunkt steht die Sonne mit dem zentralen Leistungsversprechen, das Dein Unternehmen abgibt.
  • Umgeben ist die Sonne von Planeten, die die Kernwerte ausmachen, z. B. „inspirierend“.
  • Der Planet „inspirierend“ ist von mehreren Monden umgeben, die diesen Kernwert genauer beschreiben, z. B. „innovativ“, „kreativ“, etc.

Die Anzahl der Werte ist jedem Unternehmen selbst überlassen. Hier gilt  aber insgesamt: Weniger ist oft mehr. Bei Unternehmenswerten gilt es, sich zu fokussieren.

ASPEKT 2: FRIDGE-WERTE

So mancher denkt sich vielleicht: Schön und gut, wenn ich nun ein solches Werte-Universum habe. Nur wie schaffen wir es,diese Werte auch im Unternehmensalltagzu leben?

Dazu wenden wir die sogenannte„Fridge-Werte“-Systematik an. In unserem Unternehmen haben wir vier Kernwerte als Planeten mit jeweils mehreren Monden definiert. Pro Quartal wird einer dieser Werte auf den Kühlschrank im Büro geklebt und zur Diskussion gestellt. Während man sich in der Kaffeeküche nicht nur über Erlebnisse vom Wochenende oder aktuelle Arbeitsprojekte austauscht, sind alle Mitglieder des Unternehmens (und hier sind wirklich alle Ebenen gemeint) dazu angehalten, sich Gedanken zu folgenden Fragen zu machen und diese auch mit Post-its am Kühlschrank zu notieren.

  • Wodurch wird bereits jetzt deutlich, dass unser Unternehmen als [Wert XY] wahrgenommen wird? (sowohl intern als auch extern)
  • Welche Tätigkeiten können wir künftig setzen, damit unsere interne als auch externe Wahrnehmung noch gesteigert wird bzgl. [Wert XY]?

Am Quartalsende wird der wöchentlich stattfindende Jour-Fixe um den Agendapunkt der Werte erweitert und erste Schritte werden aus diesen Post-it-Notizen abgeleitet. Dadurch wird Verbindlichkeit geschaffen. Gleichzeitig sind alle gefordert, auch die Monde immer wieder kritisch zu reflektieren.

Unternehmen verändern sich im Laufe der Zeit, und es ist durchaus legitim, die Monde zu adaptieren. Die Planeten, also die Kernwerte, anzupassen, ist dahingegen ein heikler Prozess, da dies auch zu einem Kulturwandel führen würde, der im Normalfall schwierig oder nur mit viel Energie und Zeitressourcen möglich wird.

Mit dem Werte-Universum und dem regelmäßigen Check-up am Kühlschrank ist es möglich, den Werten entsprechende Taten folgen zu lassen. Und damit lässt sich die Entscheidung für  Segnen oder Beichten wohl auch leichter treffen.

 

Text: Elisabeth Pammer
Bild: freepik

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